Kleiner Video-Gottesdienst aus Burscheid zu Palmsonntag, 28.3.2021

Liturgie und Predigt: Prädikant Ekkehard Rüger
Orgel und Lesung: KMD Silke Hamburger
Kamera: Thomas Michalzik

Sonntag, 28. März 2021
Videogottesdienst am 6. Sonntag der Passionszeit (Palmsonntag)

Orgelvorspiel: Joh. Seb. Bach, Präludium a-Moll

Gebet

Guter Gott,

wir bewegen uns alle auf dünnem Eis. Das spüren wir gerade jetzt, wo die Geduld erlahmt und die Dünnhäutigkeit wächst. Wo wir dieser Pandemie ganz und gar überdrüssig sind. Wo selbst die Gutwilligsten anfangen, nach Schuldigen zu suchen.

Wir bewegen uns alle auf dünnem Eis. Weil wir immer ungnädiger auf unsere Nächsten blicken und ihre kleinen und großen Alltagsversäumnisse im Kampf gegen Corona. Und weil wir nicht länger gewillt sind, den Entscheidern ihre Fehler nachzusehen. Wer gestern noch unsere Hoffnung war, ist heute ein Versager.

Wir bewegen uns alle auf dünnem Eis. Wir wissen nicht, wann es bricht. Wir wissen nicht, wie tief wir sinken können. Wir sind unsicher, wer uns hält und was uns trägt.

Aber wir hoffen auf dich. Und wir bitten dich: Nimm uns die Schwere, mach uns leichter – damit das Eis hält.
Amen.

Psalm

Wir beten mit den Worten des 69. Psalms:

2Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
3Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten,
und die Flut will mich ersäufen.
4Ich habe mich müde geschrien,
mein Hals ist heiser.
Meine Augen sind trübe geworden,
weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.
8Denn um deinetwillen trage ich Schmach,
mein Angesicht ist voller Schande.
9Ich bin fremd geworden meinen Brüdern
und unbekannt den Kindern meiner Mutter;
10denn der Eifer um dein Haus hat mich gefressen,
und die Schmähungen derer, die dich schmähen,
sind auf mich gefallen.
14Ich aber bete, Herr, zu dir zur Zeit der Gnade;
Gott, nach deiner großen Güte
erhöre mich mit deiner treuen Hilfe.
21Ich warte, ob jemand Mitleid habe, aber da ist niemand,
und auf Tröster, aber ich finde keine.
22Sie geben mir Galle zu essen
und Essig zu trinken für meinen Durst.
30Ich aber bin elend und voller Schmerzen.
Gott, deine Hilfe schütze mich!

Predigttext

Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen,
was man hofft,
und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
In diesem Glauben haben die Alten
Gottes Zeugnis empfangen.
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam,
als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen,
den er erben sollte;
und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.
Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen
im Land der Verheißung wie in einem fremden Land
und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob,
den Miterben derselben Verheißung.
1Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat,
deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.

Darum auch wir:
Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert,
und die Sünde, die uns umstrickt.
Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich
von den Sündern erduldet hat,
dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (Hebr 11,1-2.8-10; 12,1.3)

Lied: EG 14,1.5.6 (Dein König kommt in niedern Hüllen)

Predigt

Liebe Gemeinde,

1990, also 20 Jahre vor dem Rücktritt von Margot Käßmann in Hannover, veröffentlicht die Rockband Fury in the Slaughterhouse, die ebenfalls aus Hannover kommt, ihr zweites Studioalbum mit dem Titel „Jau“. Darauf findet sich auch der Song „Seconds to fall“.
In der ersten Strophe heißt es übersetzt:

„Es hat Jahre gedauert, diesen Hügel zu besteigen.
Und jetzt schauen wir hoch zu den Bergen –
so hoch, wie man noch klettern könnte.
Eines sollten wir nicht vergessen:
Es dauert Sekunden, um zu fallen.“

2017 dann gibt es einen Live-Auftritt der Band zusammen mit Wolfgang Niedecken, der für dieses Lied eine Strophe auf Kölsch getextet hat:

„Und wenn du tatsächlich die Wolken berührst,
denk dran, dass dich da oben keiner mehr hört.
Egel wie einsam es auf einem Drahtseil sein kann –
guck nie nach unten, du verlierst die Balance.“

Die Angst, die Balance zu verlieren – vermutlich hat das jede und jeder von uns schon erlebt, mehr als einmal. Und ich denke da gar nicht an die Karriereleiter, die man emporgestiegen ist und sich jetzt fragt, ob man den gestiegenen Anforderungen überhaupt gerecht werden kann oder ob man sich in dem Haifischbecken, in das man geraten ist, wirklich wohlfühlt.

Ich denke viel mehr an die vielen kleinen und großen Momente im Leben, in denen wir von der Angst geschüttelt werden, plötzlich anders, und das heißt in diesem Fall schlechter, vor anderen dazustehen als bisher. Die Angst, auf einmal erkannt zu werden als einer, als eine, der oder die in Wahrheit nichts zu bieten hat. Ein Blender, eine, von der sie jetzt enttäuscht sind: die Freunde, die Kolleginnen, die eigenen Kinder, der eigene Lebenspartner. „Das hätten wir nicht von dir gedacht“ – einer dieser Sätze, die dann im Raum stehen können.

Oder aber all die anderen denkbaren Abstürze: die ärztliche Diagnose, die alle Lebenspläne über den Haufen wirft; der Sekundenbruchteil der Unaufmerksamkeit, der einen dramatischen Unfall zur Folge hat; der Arbeitsmarkt oder die Pandemiefolgen, die das Berufsleben aus den Angeln heben. Es sind Momente, in denen wir in unserer Fantasie oder auch ganz real erleben, wie alles, was wir an vermeintlichen Gewissheiten im Leben haben, einem Kartenhaus gleich zusammenbricht.

Pandemiezeiten, das haben wir in dem zurückliegenden Jahr gelernt, sind ausgewiesene Kartenhauszeiten. Unsere eigenen Kartenhäuser, um die wir bangen. Aber auch die Kartenhäuser anderer, an deren Aufbau und Einsturz wir uns vielgestaltig beteiligen. Die Achterbahnfahrt des Politikeransehens zum Beispiel nimmt mit unserer wachsenden Ungeduld atemberaubend an Tempo zu.

Lauterbach: gestern Nervensäge, heute der bessere Gesundheitsminister, morgen wahrscheinlich wieder der unerträgliche Besserwisser. Laschet, noch keine hundert Tage Parteivorsitzender: gestern Versöhner, heute Zauderer, morgen wahrscheinlich Totalversager. Wir sehen der Heilserwartung und der Verachtung beim Tauziehen um die Vorherrschaft in der öffentlichen Meinung zu. Und an welches Ende des Taus wir uns stellen und mitziehen, das hängt nur von unserer Tageslaune ab.

Seconds to fall. Es dauert Sekunden, um zu fallen.

Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten,
und die Flut will mich ersäufen.

So plastisch, so zeitlos hat der Psalmdichter das vor weit mehr als zweitausend Jahren in Worte gefasst. Gerade noch obenauf, jetzt im tiefen Schlamm, wo kein Grund ist. Gerade noch Palmblätter der Huldigung auf dem Weg, bald die Hände und Füße ans Kreuz genagelt.
„Gott, hilf mir!“ Aber können wir darauf vertrauen, dass diese Hilfe im Letzten kommt, dass Hoffnung wirklich berechtigt ist?

Es gibt eine Art Behauptungs-Theologie, die an dieser Stelle immer und ohne den geringsten Moment des Zweifels antwortet: Ja, natürlich. Der Hebräerbrief, von dem wir nicht wissen, wer ihn verfasst hat, tut das an dieser Stelle nicht. Er benennt stattdessen Zeugen. Zeugen und Zeuginnen des Glaubens. Wir haben vorhin von Abraham gehört, aber es werden in dem Briefabschnitt noch weitere benannt: Abel, Henoch, Noah, Sara. Sie sind Zeugen dafür, wie der Glaube im Brüchigen, gegen alle Wahrscheinlichkeit und im Fall Abels sogar durch den gewaltsamen Tod hindurch – tragen kann. „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“, heißt es in dem Brief. Oder, wie die neue Basisbibel übersetzt: „Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind.“

Christliche Hoffnung, hat der neue rheinische Präses Thorsten Latzel in seiner Einführungspredigt gesagt, christliche Hoffnung ist etwas Radikaleres als Optimismus. Sie will uns nicht einfach darauf einschwören, uns auf das Gute zu konzentrieren und die Dinge positiv zu betrachten. Sie ist unabhängig von den Umständen sicher, dass sich die Dinge ändern werden, allein weil Gott ist. Und im Glauben an ihn sind wir schon Teil dieser Änderung. Hoffnung und Glaube ernähren sich gegenseitig. Wer hofft, blickt über die Aussichtslosigkeit der Gegenwart hinaus.

Hoffnung lässt uns Fragilität ertragen, Brüchigkeit, Abstürze. Hoffnung überbrückt das Vorläufige. Abraham, so erzählt es der Predigttext, zog aus, lebte als Fremdling und in Zelten, weil er Gottes Verheißung vertraute: „Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“, so poetisch beschreibt der Hebräerbrief das Warten auf das Himmlische Jerusalem. In tiefem Schlamm, wo kein Grund ist, wartet Abraham in Zelten auf die Stadt, die einen festen Grund hat. Sie ist noch nicht da, aber sie wird kommen. Das ist Hoffnung.

Was hilft uns diese „Wolke von Zeugen“, die der Hebräerbrief benennt? Sie gibt uns Beispiele, wie
andere sich haben tragen und auffangen lassen von dem Vertrauen auf etwas Unsichtbares. Manchmal muss man Vertrauen nicht aus sich selbst heraus aufbauen, manchmal kann man sich Vertrauen auch ausborgen von den Alten. Der Verfasser des Briefs legt uns das nahe, damit wir nicht matt werden und den Mut nicht sinken lassen. Wir können nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand, weil Gott der feste Grund unserer Hoffnung ist. Die „Wolke von Zeugen“ erzählt uns davon.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsre Vernunft, halte unsern Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe. Amen.

Lied: EG 533 (Du kannst nicht tiefer fallen)

Fürbittengebet

Gott,
Wir vertrauen dir an alle Abgestürzten, alle Versunkenen und Ertrunkenen und die, denen das Wasser bis zum Hals steht,
wir vertrauen sie dir an, weil wir darauf hoffen, dass aller Schmerz und alles Leid und selbst der Tod eines Tages verwandelt werden durch deine Liebe.

Wir bitten dich für die, die gerade nur durchs Leben taumeln, ohne Halt und ohne Perspektive
und auch ohne Hoffnung: Stärke ihr Vertrauen auf das Unsichtbare, belebe und erfrische sie mit deinem ermutigenden Geist, damit sie die nächsten Schritte wagen.

Wir bitten dich für alle Menschen, die in dieser Krisenzeit Verantwortung tragen, beinahe pausenlos schwere Entscheidungen treffen müssen und dabei immer in der Gefahr stehen, gravierende Fehler zu machen: Sei ihnen ein fester Grund bei ihren täglichen Gratwanderungen.

Gott,
wir bitten dich für uns und unsere verzagten Gemüter: Bewahre uns vor dem niederdrückenden Gedanken der Vergeblichkeit und stärke unsere Geduld und unsere Nachsicht.

Und gemeinsam beten wir:

Vater unser:
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.


Orgelnachspiel: Joh. Seb. Bach, „Du großer Schmerzensmann“